Der kleene Punker aus Berlin-Geschichte

Zurück



DER KLEENE PUNKER AUS BELIIN Amadeus der Punker wohnte in einer Mülltonne. Trotzdem bekam er regelmäßig Ärger mit den Nachbarn. Sie klopften ihm auf den Deckel und beschwerten sich über die laute Musik: Ruhe da drinnen ! Wohl noch nie was von Zimmerlautstärke gehört ! Sie drohten sogar, die Polizei zu rufen, doch Amadeus hatte keine Lust, seine Musik leiser zu drehn. "Ick steh nu mal uff vollen Sound. Und bevor ma die Bullen kassiern, zieh ick lieba um." Das tat er schließlich so oft, dass die Fresspakete, die ihm seine Oma aus dem Schwarzwald schickte, nie bei ihm ankamen. Sie gingen zurück mit der Aufschrift: Empfänger unbekannt verzogen ! In Amadeus Wohnung gab es vier Möbelstücke. Eine Matratze, ein Cassetten-Deck und zwei 50-Watt-Boxen. Denn Musik war für ihn  die wichtigste Sache der Welt; jedenfalls solange er nicht zu großen Hunger hatte. Dann dachte er manchmal: ick gloob meene Boxen Rauschen, und dabei war`s nur das Knurren seines Magens. Die Müllabfuhr war sein heimlicher Alptraum. Zwar kannten die Männer von der Stadtreinigung seine Tonne inzwischen, doch mit den Urlaubsvertretungen gab es jedes Mal Ärger. "Oh, diese Nichtsahnenden !" regte sich Amadeus auf, als er einmal fast zu spät gekommen wäre. "Hey, Müllmann !" rief er. "Sehn Se denn nicht, dass das keine Abfalltonne ist !?" "Hä ? Was soll`n das sonst sein ?" "Dat is`n Heim, und zwar een trautet." "Und woran soll ich das bittschön erkennen ?" "An meen kleen grünen Kaktus !" "Komisch, dabei hätte ich schwören können, dat Ding wär...na ja." Schließlich löste Amadeus das Problem auf seine Weise:"Wer weeß, vielleicht hatta ja recht, der Müllmensch. Vielleicht is`ne Flanze vorm Fenster noch nich häuslich jenug..." Er machte seine Tonne schön bunt und verankerte sie Müllabfuhrsicher mit einer dicken Eisenkugel. "Jetzt hab ick praktisch`n richtich festen Wohnsitz..." An seine Eltern konnte Amadeus sich kaum erinnern:" An sich müsst ick ja welche ham, denn an` Klappastorch gloob ick nich." Er legte sich auf die Matratze und dachte nach: "Also wie jesagt. Ins Heim will ick nich, aber essen muß ick wat, logo, kann jeder vastehn. Am besten ick jeh zu meene Kumpels." Und weil es ihm bei diesem Gedanken gleich viel besser ging, machte er sich sofort auf den Weg. Manche älteren Leute sind vor Schreck wie gelähmt, wenn ihnen ein kleiner Punker über den Weg läuft; kriegen ganz feuchte Handflächen und halten ihre Handtäschchen fest. Andere dagegen sind nicht so ängstlich wie die zwei Damen eben. Zum Beispiel das Berliner Rentnerpaar, auf der Bank hier, scheint sich besser auszukennen: "Det is keen Rocker, Trudchen, dat is`n Punker !" "Woran siehst`n det ?" "Na anne Frisur und die kleene dicke Kugel hintendranne !" "Ach die mitte Sicherheitsnadeln ?" "Jenau !" "Also du meenst, dat is keen Rocker ?" "Wenn ick et dir doch sage, Trudchen. Rocker ham Motorrad." Als Amadeus bei seinen Freunden ankommt, wird erst mal Kriegsrat gehalten. "Ick könnt jetzt eigentlich ooch wat zum Spachteln jebrauchen", sagt Alex. "Ick schlage vor, wir jehn auswärts essen !" - "Auswärts essen?" wundert sich Hübi. "Du musst ja`ne Menge Knete ham!" - "Quatsch! Doch nicht ins Restorang ! Wir jehn zu Bolle und mampfen die Sachen gleich im Laden drin. Hier `n Biß und da `n Schluck. Wirste echt satt bei. Und watte nich schaffst, stellste unauffällig ins Regal zurück." - "Is doch keene Esskultur", sagt Lisa. "Find ick ooch, meint Pieke mit der Sicherheitsnadel. "jehn wa lieba einklaun. Janz regulär." Sie maschieren alle Mann zu Bolle und legen ihr letztes Geld zusammen. "Irgentwat musste schon koofen, sonst wird die Kassierarin mißtrauisch !" Amadeus schiebt den Einkaufswagen, während sich die anderen ihre Taschen voll stopfen. "Siehste den Typen am Obststand ?" fragt Alex. "Klar, sieht aus wie Hampfri Bogart." "Iss aber nur`n kleena Detektiv. Tut so, als wenna wat kooft. Ick gloob, der hat uns schon voll im Visier." "Und ? Wat soll ick jetzt machen ?" fragt Amadeus. "Du koofst jetzt janz uffällich `n Maggi-Brühwürfel, legst ihn janz uffällich in` Einkaufswagen, und anne Kasse zahlste, janz langsam und deutlich. Und wir flutschen nach draußen und warten uff  dich." Eine Zeitlang klappte alles ganz prima, doch nach und nach wurden Sie so berüchtigt, dass sie sich in keinen Supermarkt mehr trauen konnten. Außerdem hatte sich der Maggi-Trick herumgesprochen, so dass plötzlich alle Brühwürfel vergriffen waren und nur noch Familienpackungen verkauft wurden. Amadeus hatte eine neue Idee: "Ick gloob, ick wer ma janz legal meen Jeld vadien !" Er besorgte sich einen Hut und versuchte es als Schildermaler vor einem großen Kaufhaus. Als nichts geschah, probierte er ein anderes Schild aus. Dazu machte er ein Gesicht wie bei der Krankenkasse, aber der Erfolg war nur der mäßig. Nun probierte er es mit der Aufschrift "Ein Herz für Kinder" auf einem herzförmigen Schild. Und siehe da... Eine Weile verdiente Amadeus nicht schlecht, aber dann gewöhnten sich die Leute an ihn, und er musste immer größere Herzen aufstellen. Bis zum Schluß auch diese Einnahmequelle versiegte. Wenn er seine Freunde besuchen wollte, reichte es nicht mal zu einem Fahrschein für die U-Bahn. "Wat brauch ick `n Faaschein ? Ick fahr sowieso immer schwarz." Schwarzfahren heißt soviel wie umsonst fahren, ohne zu bezahlen. Das ist zwar billig, kann aber sehr unangenehm werden, wenn man in eine Fahrscheinkontrolle gerät. "An die Kontrollöre hab ick ma schon jewöhnt. Und ick hab det Jefühl, die sich ooch an mich." Jedenfalls ist es nicht da erste Mal, dass Amadeus bei seiner täglichen Schwarzfahrt von einer Kontrolle überrascht wird. Drei Herren in blauer Uniform steigen in den Zug: "Die Fahrausweise bitte !" Alle zücken ihre Fahrscheine und Monatskarten. Nur Amadeus kramt noch in seiner Tasche. "Den Fahrschein, bitte schön", wiederholt einer der Kontrolleure. Amadeus kramt und kramt. "Wo hab ick ihn bloß, inne linke Tasche issa nich...inne rechte Tasche issa nich..." "Etwas Beeilung bitte !" "Hm, inne linke Seitentasche issa nich...inne rechte Seitentasche issa nich..." "Sag doch gleich, dass du wieder keinen Fahrschein hast !" "...dann mussa inne linke Hosentasce sein...komisch, inna rechten issa och nich..." "So, Freundchen, jetzt hast du alle Taschen durch !" "Sie gloobn ja nich, wie viele Jeheimtaschen ich noch hab, Herr Schaffner..." "Du willst uns wohl für dumm verkaufen, meinst du, wir wüssten nicht, dass du keinen Fahrschein hast ? Wahrscheinlich hast du noch nie einen gesehen !" "Na klar ! So `n kleener niedlicha Schein mit wat druffjeschrieben. Uff beede Seiten..." "Jetzt ist Schluß ! An der nächsten Station kommst du mit !" Als die U-Bahn anhält, zieht Amadeus einen Papierschnipsel vor: "Ick hab meen Faaschein jefunden, hier, kiekense ma. Nur `n bischen zaknüllt." Doch im selben Augenblick flitzt er aus der Tür, den Bahnsteig entlang. "...na warte...keuch...nächstes Mal schnappen wir dich..." Es gab Tage, da fühlte sich Amadeus so was von springlebendig wohl, dass er direkt traurig war, wenn er in der U-Bahn saß und keine Kontrolleure reinschauten. Hatte er dagegen Langeweile, spielte er mit seinen Freunden "Punk in the box" : Statt aus dem Geschenkkarton sprangen sie allesamt aus einer Mülltonne und erschreckten ahnungslose Leute, die dort ihren Abfall loswerden wollten. Eines Tages erfand Alex ein Spiel für deprimierte Tage, das sie Kuchenfete nannten. "Auf wat habta `n Bock, uff Käsekuchen oder Schwarzwälder Kürsch? Ihr könnt frei wählen, janz demokratisch." "Dann nehm ick lieba `n Flaumkuchen..." "...und ick entscheide mir für`n Braunschweiger Hörnchen !" Sie maschierten mitten ins Kanzler, und während die Gäste mit erstaunten oder erschreckten Gesichtern zusahen, bedienten sie sich am Büfett. Als die Polizei kam, waren sie längst mit der U-Bahn verschwunden. "Herr Wachmeister", rief die Bedienung, "kommen Sie schnell, hier war die Hölle los. Eine alte Dame ist in Ohnmacht gefallen." Der Wachmeister zückte seinen Block und nahm alle Anzeigen auf. "mich hat`n Krümel im Genick getroffen !" "Wird notiert !" "Und mich hat eine Torte gestreift !" "Mit Sahne oder ohne...?" Amadeus Kopf war voll von Gedanken an Essen und Geld. "Keen Wunder in meena Lage. Die Detektive kenn ma alle schon von weitem, und die Cafes ham wa och schon alle abjegrast. Und für `n Job nehmse ma nich." Er steckte in der Klemme. Vielleicht hätte er eine Unterstützung vom Staat beantragen sollen ? "Sozialamt kannste vajessen. Die stecken ma glatt ins Heim. Und vorjezogne Rente jibts ooch erst ab 50 ! Von wat soll ick`n leben bis dahin ?" Er beschloß, Alex zu besuchen. "Weeßte wat, wir gründen `n Überfallkommando !" Nachdem alle zusammengetrommelt sind, gibt es lange Diskussionen. "Überfallkommando schön und jut, aber wir brauchen `n  Namen. Ohne Namen is langweilich." "Ick schlag vor, dass wa uns nenn." "Ja keene schlechte Idee !" Alle sind einverstanden. Das erste Ofer ist ein älterer Mann. Zuerst ist er ganz verdutzt: "Das ist ein Überfall, nicht wahr ?" "Jenau !" "So was ! Wo seid ihr denn her ?" "Wir sind durch det soziale Netz jefalln. Und jetzt könnse uns ma bitte mit zehn Mark aushelfen." "Aber ich hab selbst nichts, Kinder." Alex geht zu ihm hin und schaut in sein Portemonnaie. Er sieht, dass nicht viel drin ist: "Tschuldigung, war nich so jemeint..." "O.k." ruft er den anderen zu, "kann passieren. Also tschüs denn..." "Psst, da kommt wieder eener. Der sieht nach mehr Knete aus..." Sie halten ihn an. "Wir brauchen dringend zehn Mark !" "Wozu braucht ihr soviel Geld ? Ich laß mich doch nicht erpressen ! Verschwindet, oder ich ruf die Polizei !" "Ey, man, so behandelt man doch nicht seine Zukunft." "Wieso meine Zukunft ?" "Is doch logo ! Wir brauchen wat zu futtern." "Mir könnt ihr nichts weismachen ! Ihr versauft das Geld höchstens !" "Wir wolln uns jeder `ne kleene Pizza vom Blech koofen." "Pizza vom Blech ? Dann braucht ihr höchstens sieben Mark fünfzig !" "Na hörnse mal ! `n Jetränk muß schon drin sein !" Eine Frau fand Amadeus so süß, dass sie ihn zu sich einlud. "Könn meene Kumpels ooch mitkomm ?" fragte er. "Nichts gegen deine Freunde. Aber das wär wirklich zu chaotisch, fünf kleine Punker in meiner Wohnung." Als sie oben waren, sagte sie: "Ich laß dich jetzt einen Moment allein, um Freunde abzuholen. Du wirst ihnen bestimmt gefalln." "Vasteh, ihr macht `ne Fete hier." "Du brauchst keine Angst zu haben. Nur ein kleines gemütliches Beisammensein." Mit diesen Worten setzte sie Amadeus auf die Couch und betrachtete ihn. Dann meinte sie: "Du bist zwar niedlich, aber du stinkst, mein Kleiner. Ab mit dir in die Wanne !" Sie gab ihm ein großes Handtuch. "Also bis nachher. Vergiß nicht, deine Sachen zum Trocknen aufzuhängen, und wenn du Hunger hast, Essen steht im Kühlschrank." Als Amadeus die Wanne verlassen hatte, holte er seine Freunde hoch, die sich sofort in der Küche versammelten. Alles stürzt sich auf die Vorräte. "Man, ick krieg feuchte Augen." "Los, ran an die Buletten..." "Ick nehm Milch, dat jibt Power." "Ey, hier `n Kotlett." "Hmmm, Schinken, gail." "Mann, die Milch is ja sauer !" "Mecker nich, nimmste `ne Pulle Bier." "Wein is ooch da." "Wo issn Brot, hat jemand Brot jesehen ?" "Frißte die Wurst halt so, man." "Ick wollt ma doch `n paar Stulln zum Mitnehm machen !" "Nich lang überlegen, einfach wegklotzen !" "Jenau ! Augen zu und losjespachtelt." "Man, det war nich schlecht", sagt Alex, "wo hastn die Alte uffjerissen ?" "Ja nich. Die hat mich anjemacht, findet mich niedlich." "Wieso findet die dich niedlich und uns nich, möchte ick ma wissen ? Niedlich sind wa ooch, oder ? Man, du riechst ja nach Paföng !" "Ick musste ma erst baden, so is det." "Wer weeß, vielleicht stehste ooch mehr uff lila Streifen, wat weeß ick...man ick gloob ick wer langsam blau...jib ma die Pulle rüber." "Ick fühl ma ooch schon janz mulmich", sagte Alex, "det war bestimmt die Leberpastete...oder allet zusamm." "Vielleicht is dir die Zijarre nich bekomm..." "Leute seid ma stille, ick gloob, det hat jeklingelt..." Amadeus große Freundin war zurückgekommen. Mit ihren Gästen. "Ick hab det Jefühl, die Fete findet jetz ihr Ende." "Ejal. Wenn`s am schönsten is, soll man sowieso jehn..." Einer nach dem anderen torkelten sie aus der Tür an den zerknirschten Gästen vorbei, die Treppe hinunter. "Tschau Süße, war echt nett bei dir." - "Wie heißtn eijentlich, wir wolln doch ma wwieder vorbeischaun, dededer Wwein wwar ppprima,  hick..." Ein paar Tage später begann die nächste Kohldampf-Phase. Die eingesteckten Vorräte der letzten Party waren aufgebraucht, und Amadeus machte sich Sorgen: "Ick gloob, ick muß meen Lebenswandel ändern. Irgend `ne regelmäßige Sache uff de Beene stellen. Wir könn ja Musik machen ! Die Folklore-Tante da drüben macht bestimmt `ne Menge Kies, und der Leierkastenopa sieht ooch janz fidel aus." "Ick hab keene Lust, `n janzen Tach anne Kurbel zu stehn." "Quatsch, wir brauchen doch keene Kurbel. Wir vawandeln unser Überfallkommando inne Punkband." "Und wo kriegen wa die Instrumente her ?" "Machen wa wie bei Bolle." "Aber wir können doch ja nich richtich spiln !" "Keen Problem. Jeder von uns lernt een Akkord, dann ham wa fünfe, und damit kannste schon `ne Menge machen. Hauptsache Power." Sie warfen sehnsuchtsvolle Blicke in das Musikgeschäft. "Also los Jungs, starten wa die Aktion !" Sie gingen hinein und sahen sich alle Gitarren an. "Kann ich euch helfen ?" fragte der Verkäufer. "Wir haben das allerneuste Modell von Gibson am Lager. Ein edles Modell. Kostet nur 2000 Mark." "Echt preisjünstig", nickte Amadeus. "Hamse übrigens `ne D-Saite für `ne Gitarre ? " "Vernickelt oder verchromt ?" "Ick gloob vanickelt is besser..." Und während der Verkäufer nach der Saite sucht, schnappt sich Hübi die Gitarre und verduftet. "Bitte schön die Saite. Macht sechs Mark." "Wat, sechs Eier ? Hamse keene jebrauchte am Lager ?" So klauten sie sich nach und nach in den verschiedenen Geschäften die Gitarren zusammen. Nicht immer ging es so leicht wie beim Erstenmal. Einmal mussten sie sogar den Verkäufer festhalten, um ihre Gitarre in Sicherheit zu bringen. "Fehlt nur noch `n Schlagzeug !" Weil Alex der Trommler der Band sein wollte, wird er ins Geschäft geschickt. "Steck die Bass-drum unters T-shirt und jeh janz unauffällig raus. Vageß nich die Sticks !" Alles scheint wunderbar zu klappen. Damit er nicht zweimal klauen muß, steckt sich Alex sogar noch die Becken hinter den Kragen... Wie man sich vorstellen kann, fand die Geschichte ein trauriges Ende: Sie wurden von der Polizei einkassiert und in den Funkwagen gesteckt. "So`n Mist !" ärgerte sich Amadeus, "det musste ja ufffalln ! Wie du da mitte Becken im Jenick...Wärste ma lieba zweemal jejang." Weil sie noch so klein waren, konnte man sie nicht ins Gefängnis stecken. Also landeten sie im Heim. Die Fürsorgeerzieherin setzte sich aber dafür ein, dass Amadeus zu seiner Oma in den Schwarzwald durfte. Auf ihren kleinen Bauernhof sollte er auf andere Gedanken kommen. Man war der Meinung, dass ihm Land und Leute gut tun und ihn bessern würden. Seine Oma holte ihn mit dem Trecker vom Bahnhof ab. Zuerst konnte er sie kaum verstehn, weil sie schwäbisch sprach, doch er gewöhnte sich daran, und sie bemühte sich ihrerseits, ein wenig hochdeutscher zu sprechen. Nachdem sich Amadeus von der Reise erholt hatte, zeigte sie ihm den ganzen Hof, vom kuhstall bis zur Scheune. Und abends schickte sie ihn mit einem kurzen Gebet und einem Gute-Nacht-Kuß auf sein Zimmer. Er rollte seine Kugel unters Bett und versuchte einzuschlafen. "Ja nich so leicht bei die weichen Matratzen, jeht echt anne Bandscheiben." An das frühe Aufstehen konnte er sich nur schwer gewöhnen. Als ihn am nächsten Morgen die Hühner weckten, musste er furchtbar gähnen. "Iss ja mitten inne Nacht." In die Schule brauchte er die ersten Tage noch nicht. Dafür musste er auf den Hof helfen. Zum Beispiel lernen, wie man Kühe melkt. "Hätt ick nich jedacht, dass det so `ne Äktschn mit dem Euter is." Als ihn seine Oma das erste Mal mit ins nahm, um einzukaufen, machten die Leute bei seinem Anblick lauter Bermerkungen: Jetzetle guck a mol...Heilixblechle, an Panker...selle Type wo nix schaffe...Ja gibt`s denn dös aberau...Hanni no nie gesah...Im Fernseh amol...Hasch sel Kigle gseah ?...soebbes verrückts aber au... "Ick vasteh zwar nur Bahnhof. Aber irgendwie hab ick det Jefühl, ick bin hier fehl am Platz..." Seine Oma versuchte ihn zu ermutigen. Das wäre immer so, wenn man wo neu ist. Die Menschen hier müssten sich erst an ihn gewöhnen und umgekehrt. "Ick weeß nich. Ick jeb ja zu, über die Luft hier kann man nich meckern und die Sonnenunterjänge...ick find`s ooch echt gail bei dir, Omi...dein Trecker fetzt, dein rosa Nachttopf törnt mich an, und dein altdeutsches Bauernbett is ooch spitze. Aber mir fehln meene Kumpels..." Sie sagte ihm, dass er neue Freunde finden würde und dass die alten ihn nur immer mehr in den Dreck ziehen würden. "Lieba mit `n paar jute Kumpels inna Scheiße sitzen als alleen uffm schönen Land." Und am nächsten Morgen, als sie wieder aufs Feld fuhr, trampte er heimwärts... Er konnte es kaum erwarten, wieder zu Hause zu sein. Aber das wurde eine bittere Überraschung. Seine Tonne war mit Müll vollgestopft worden. "Da haste `n janzen Tag `n schönet Jefühl, kommst müde nach Hause und dann so wat !" "Muß ick wohl ma wieda inne Telefonzelle poofen." Er verkroch sich unter ein paar Zeitungsblättern und versuchte einzuschlafen. Doch jedes Mal, wenn er grade was Schönes träumte, kam jemand, der dringend telefonieren wollte. Am nächsten Tag ging er seine Freunde suchen. "mann, ey, wie jeht`s ?" fragten sie. "Wie war`s uffm Land ?" "Ja nich übel an sich, aber hier fühl ick ma wohla." "Wir sind alle jetürmt, uff een Schlag. Seit wann bistn zurück, ey ?" "Seit jestern abend. Aber meene Wohnung hamse dichtjemacht..." "Man, wo hastn da jepennt ?" "Ihr werdet det nich glooben, ick hab ma`n Hotel jenomm. Einzelzimmer mit Telefon. Aber Frühstück jab`s keens." Das Allerneuste, was Amadeus von ihnen erfuhr, war, dass in der Waldbühne ein großes Punkrock-Treffen stattfinden sollte. "Is doch klar, dass wa da mitmischen. Wir brauchen bloß noch `n Namen. "Ick schlag vor, wir nenn uns !" "Klingt zu sehr nach Heavy Metal..." "Wie wär`s mit ?" "Nee, wir brauchen irgendwat mit ohne Hoffnung und so..." "Die Abjesackten...die Versumpften...die Total Abjetörnten..." "Wieso ? Wir können doch irgendwat Fröhlichet machen...zum Beispiel ?" "Könn wa uns gleich nenn ! Da kommt keen Schwein, wenn wa uns so nenn...Heino und seine Freunde..." "Du musst die Leute anfetzen...z.B. oder ...irgendwas Brutales. Amadeus schlägt einen Kompromiß vor. "Wir könn la von allem `n bisschen nehm ?" Sie bastelten drauflos, und zum Schluß nannten sie sich: DIE NETTEN VERSUMPFTEN JUNGS AUS DER HÖLLE. Der Tag des großen Punker-Treffens war gekommen. DIE NETTEN VERSUMPFTEN JUNGS AUS DER HÖLLE hatten ein paar Stücke Eingeübt. Sie schnappten sich ihre Instrumente und zogen los. Natürlich wimmelte es in der Ü-Bahn nur so von anderen Punkern, denn alles, was Ketten am Fuß und bunte Frisuren hatte, stömte zu der einmaligen Fete. War es Zufall oder ganz großer Zufall; unser Rentnerpaar von vorhin saß im gleichen Zug. Er versuchte ihr gerade den Unterschied zwischen Rock-Musik und Punk-Musik klarzumachen: "Vastehste ma, Trudchen, der Rock kommt vom Bluhs und der Bluhs vonne Neger, und die Rocker spieln mit `ne vazerrte Jitarre." "Wat issn det, `ne vazerrte Jitarre ?" "Det jeht unjefähr so: äääiiinng, äääiiinng. Im Jejensatz zu de Punker. Da jeht der Rüthmus tok-tok-tok-tok-tok-tok..." "Also du meenst, det sind keene Rocker ?" "Wenn ich et dir doch sage, Trudchen. Und Popper ham Saxofon !" Die Stimmung in der U-Bahn war ausgezeichnet. Alle lachten, erzählten Witze oder probierten die Instrumente aus, als plötzlich unsere drei Herren in den blauen Uniformen auftauchten. "Das Rauchen einstellen und die Fahrausweise, bitte sehr !" "Hurra ! Die Kontrolle ist da !" "Macht keine faulen Witze. Eure Fahrscheine !" Alles grölt durcheinander. "Ick hab zwee Fahrscheine, Herr Schaffna, wat soll ickn da bloß machen ?" "Wo issn hier die Notbremse ?" " ...nich mal `n Aschenbecher..." Die Kontrolleure versuchten es noch einmal: "Wir nehmen euch allesamt mit, wenn ihr jetzt nicht auf der Stelle eure Fahrsch..."Wer nun wirklich einen gültigen Fahrsch...dabeihatte, konnten die Beamten nicht mehr feststellen, denn an der nächsten Station Verließen sie eiligst den Zug... Bevor die endlich ihren Auftritt hatten, kamen noch viele andere Bands vor ihnen. Amadeus war`s ganz mulmig zumute: "Man, ick hab richtigjehend Schiß, vor so ville Leute spieln." "Nur cool bleim. Wir saufen uns ein an, bloß keen Lampenfieber..." Vor lauter Aufregung hatten sie ganz vergessen, ihr Instrumente zu stimmen. "Keene Panik ! Dann machen wa eben noch `n kleenen Sound-check uff die Bühne...He, Tonmeister !" "...ssst...ssst...ssst..." "Noch `n bisschen mehr Höhen rauf !" "...ssit...ssit...ssit..." "Alles klar, und jetzt den Amboß." "...kling...klong.. "...kläng...klang...kläng...klang...klaboing...klabum...klawum..." "Okay Kinder, auf jeht`s !" Und unter dem Jubel der Fans spielten sie ihren ersten Song: "Ick bin der kleene Punker the mülltonn is my home `ne Kugel is mein Anker damit ick fester wohn. Die Zukunft liegt in Finsternis Ade, auf Wiedersehn In meene Tonne kann ick nachts die Sterne leuchten sehn..." Das Konzert war für die ein voller Erfolg. "Vielleicht wern wa berühmt und komm ins Fernsehn..." "Dann brauchen wa aba `n Mänätscher..." "Stell da vor, wir tretn inna ZDF-Hitparade uff, wenn mich meene Oma sehn würde, ick gloob ick krieg mich nicht mehr ein..." "Wat machen wa denn mit der janzen Knete..." "Koofen wa uns `n Riesen - Container, mit Bad..." Sie fingen an, wie verrückt zu schwärmen, bis sie müde wurden. "Ick hab `ne neue Bude am Stadtrand", sagte Amadeus. "Ick lad euch alle uff`n Dosenbier bei mir ein." "Ick kann keen Alkohol mehr sehn..." Als sie bei ihm ankamen, war es Morgen geworden, und die Sonne ging auf. Er zeigte ihnen seine neue Bleibe. "Fühl ma echt wohl hier. War janich einfach zu finden, `ne echte alte Blechtonne, janz solide ohne Rost...ick hab bloß noch `ne andere Idee, wir könn ja zusammziehn...wir stelln hier einfach noch wat uff, stört und ja keena hier." "Keene schlechte Idee", sagte Alex, "aber früher oder später kassiern uns die Bullen..." "Lieba `n bisschen später, also habta Lust." "Klar, jebongt, ick stell meene Bude jenau nebn deine." "...und ringsrum `n paar kleene Kakteen..." Alex musste kichern. Aber Amadeus bestand drauf: "`n bisschen Jrün, häng ick echt dran. Findeste vielleicht zu romantisch, aber so`n kleener Kaktus...steh ick zu..."



Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!